Am Beispiel eines realen Einsatzes, in diesem Fall bei einem Verkehrsunfall, möchten wir Ihnen schildern, wie ein Feuerwehrmitglied einen Einsatz erleben kann. Das Ganze ist nur eine Momentaufnahme aus unserem Einsatzgeschehen. Jeder Einsatz fällt unterschiedlich aus, jedes Mitglied erlebt Einsätze anders. Nur die Rahmenbedingungen sind immer die selben.

Verkehrsunfall.

Das Alarmsignal des Piepers am Gürtel lässt mich zusammenzucken.  "Bestimmt ein Verkehrsunfall", durchfährt es mich. Denn gerade eben hatte ich in der Ferne Fahrzeuge mit Sondersignal gehört. Polizei oder Rettungswagen vermutlich. Es ist ein kalter Montagmorgen, etwa 6.40 Uhr. Vor einer Minute hatte ich meine Wohnung in Richtung Arbeitsstelle verlassen und war ins Auto eingestiegen. Die Gedanken schon beim geplanten Tagesablauf.

Jetzt denke ich nur noch an eines: Zum Feuerwehrhaus fahren, so schnell wie möglich.  "Hier Traun 14  Einsatz für die Feuerwehr Burghausen: Verkehrsunfall, eingeklemmte Person", quakt die Funkdurchsage aus meinem Funkmeldeempänger. Ich hatte leider recht. Während der Fahrt kurbel ich die Seitenscheibe herunter und stelle den magnetisch haftenden Dachaufsetzer mit der Aufschrift "Feuerwehr im Einsatz" auf das Autodach. Ein Hinweis für andere Verkehrsteilnehmer. Doch der gemütlich vor mir fahrende Autofahrer sieht das Schild natürlich nicht. Ich überhole ihn, weiter geht's in Richtung Feuerwehrhaus.

Eine Minute später treffe ich auf dem Hof der Feuerwehr ein, zeitgleich flitzt ein weiterer Kamerad mit seinem Wagen heran. "Was liegt an?" ruft er. Er hatte die Durchsage nicht verstanden. "VU, Person eingeklemmt" rufe ich zurück. Dass ist wichtig, um zu wissen, welche Fahrzeuge wir zu besetzen haben. Bei diesem Stichwort rücken der Einsatzleitwagen, das Tanklöschfahrzeug 16/25, der Rüstwagen und das Löschfahrzeug 16/12 aus. Ich ziehe die über die Stiefel gekrempelte Einsatzhose hoch, schnapp mir die Feuerwehrjacke, Helm und Breitgurt nehme ich vom Haken und laufe zum Tanklöschfahrzeug. Inzwischen eilen aus allen Richtungen die Kameraden auf den Hof. Ich steige in die Kabine ein Platz ist noch frei. "Traun 14, von Florian Burghausen 11/1, Frage Einsatzort", höre ich es im Funkgerät rauschen. "Hier Traun 14, Verkehrsunfall Richtung Marktl, eine Person eingeklemmt." Unser Einsatzleiter meldet, dass er den Einsatzort verstanden hat und der Rüstzug ausrückt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Alarm noch keine zwei Minuten her. "Die geschilderte Lage klingt nicht gut", denke ich. Fast alle Unfälle in dieser Gegend gehen nicht gut aus.

Der Einsatzleitwagen rollt vom Hof, gefolgt vom Tanklöschfahrzeug und vom Rüstwagen die Blaulichter zucken auf, das Martinshorn ist auch im Innern des Wagen höllisch laut. Verschreckt weichen die Fahrzeuge vor uns zur Seite aus, oder aber bleiben mitten im Weg stehen, eine Mutter hält ihrem Kind die Ohren zu. Während der Fahrt ziehen wir uns Einweghandschuhe aus Latex über. Eine Vorsichtsmaßnahme. Bei einem Unfall kommen wir leicht mit dem Blut von Verletzten in Berührung. Mögliche Infektionen sollen so verhindert werden.

Nach ca. sechs Minuten Fahrt sehen wir vor uns den Verkehr stocken. Bremslichter, Blaulichter. Da ist es. Wir ziehen mit dem Einsatzfahrzeug auf der leeren Gegenfahrbahn bis unmittelbar zur Unfallstelle vor, vorbei an neugierig schauenden Autofahrern im Stau. "Das sieht nicht gut aus!" sage ich laut. Eigentlich überflüssig.

Ein Kleinwagen ist mit der Beifahrerseite gegen einen Baum geprallt. Das Dach ist eingeknickt, die ganze Struktur verschoben. Glassplitter liegen rum, kleine Trümmerteile überall verteilt. Wir steigen aus, jeder weiß was er zu tun hat . Ein Rettungsassistent beugt sich zu dem bewusstlosen Fahrer ins Wrack, beatmet ihn mit einem Luftbeutel. Mir ist klar was das bedeutet: Der Mann schwebt in Lebensgefahr, Aber es ist noch nicht zu spät. Die Atmosphäre ist gespenstisch. Nur die Motoren unserer Fahrzeuge brummen. Der Verkehr steht, Autofahrer recken neugierig ihre Hälse. Es ist, als hätte jemand die Zeit mit einem Standbild angehalten. In der Ferne hören wir weitere Martinhörner, die rasch lauter werden. Die Kollegen treffen ein.

Es beginnt eine Materialschlacht. Der Fahrer ist äußerst ungeschickt in seinem Fahrzeug eingeklemmt. Der Wagen muss auseinander geschnitten werden, das Dach wird mit hydraulischer Schere abgetrennt sowie die Fahrertür. Alles in Absprache mit Notarzt und Rettungsassistenten. Klares Denken ist gefragt, es läuft ein Kampf gegen die Zeit. Wo ist nur dieses Werkzeug? Was brauchen wir noch? Jetzt bloss keinen Fehler machen.

Zwischenzeitlich landet ein Rettungshubschrauber zwischen den Bäumen auf der Strasse, Eine Glanzleistung. Nach über einer Stunde ist es soweit: Der Verletzte kann aus dem Wrack gehoben werden, vorsichtig lagern wir ihn auf einer Vakuummatratze, unter anderem vor Rückenverletzungen schützen soll. Wie es ihm weiter ergehen wird, erfahren wir selten.

Als der Rettungshubschrauber abfliegt, löst sich die innere Anspannung. Es wird wieder gescherzt, Scherben zusammengekehrt, auslaufendes Öl abgestreut. Nach der Bergung des Fahrzeugs durch ein Abschleppunternehmen geht es wieder zurück zum Feuerwehrhaus. Ausrüsten der Fahrzeuge, ausziehen der Einsatzkleidung, Eintragen in die Einsatzliste und schnell wieder nach Hause. Schon wieder geht es an diesem Morgen unter die Dusche, ich bin völlig verschwitzt. Die vor wenigen Stunden frisch angezogene Kleidung landet im Schmutzwäschekorb. Anruf am Arbeitsplatz: "Ich hatte einen Einsatz und komme etwas später." Die Kollegen kennen das schon und murren nicht. Später wollen sie kurz wissen, was denn passiert ist. Mit wenigen Sätzen fasse ich die Erlebnisse zusammen und beginne dann mit meiner Arbeit. Der Alltag geht weiter.

 

Quelle und Copyright: Feuerwehr Verden